Evangelisch am Untermain

Kirchengemeinde Hofstetten

Aktionsbündnis Seebrücke

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Seebrücke – ein sprechendes Wort für Rettung aus Seenot. Wenn aber nun Malta oder Italien Rettungsschiffe nicht mehr auslaufen lässt, dann zeigt sich darin die ganze Hilflosigkeit eines Europa, das ansonsten so stolz ist auf seine christlichen Wurzeln. Ein christliches Abendland, das Ertrinkenden Rettung verweigert, stellt sich selbst ein ethisches Armutszeugnis aus. Du sollst deinen Nächsten lieben wie Dich selbst …

Europa hat sich scheinbar daran gewöhnt, dass vor seiner Haustüre jährlich mehrere Tausend Menschen ertrinken. Hieß es vor Jahren noch, als auf einmal etwa 400 Flüchtende ertranken: „So etwas darf sich nicht wiederholen!“ geht es heute scheinbar nur noch darum, keine Kamera mehr berichten zu lassen und Rettungsschiffe an die Kette zu legen. Die Menschen ertrinken weiterhin, alle Welt weiß es und Europa schaut zu.

Doch gleichzeitig stehen wir vor einem ethischen Dilemma. Denn wir wissen natürlich, dass wir nicht alle Flüchtenden bei uns aufnehmen können. Die Menschen, die aus Afrika zu uns fliehen, sind oft nicht die Ärmsten der Armen, sondern sie ergreifen eine winzige Chance auf ein besseres Leben. Sie sind die Hoffnung ihrer Familien, die für sie oft alles aufs Spiel setzen. So wie vor 150 Jahren Zehntausende etwa aus Südhessen der Armut hierzulande entflohen und nach Amerika ausgewandert sind, so machen sie sich heute auf die oft lebensgefährliche Reise nach Europa. Und so, wie die Reeder damals einen fetten Gewinn mit den Auswandererschiffen machten, sind es heute die Schleuser und Schlepper in Libyen, die absahnen. Fair und gerecht war es damals nicht, unmenschlich und lebensgefährlich ist es auch heute noch.
Ein ethisches Dilemma. Wenn aber in Italien von der Festung Europa schwadroniert wird oder hierzulande getönt wird „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ - als ob dadurch auch nur ein einziger Flüchtling gerettet wäre, so sind das nur erbärmliche Versuche sich rauszureden.

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – das heißt aber immer auch, für gerechte Strukturen, für internationale Solidarität, für den Schutz der Schwachen und Ausgegrenzten einzutreten. Weltweit, unabhängig von Religion, Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Seit Jahrzehnten schon setzen sich die christlichen Kirchen ein für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Ob Caritas International oder Diakonie Katastrophenhilfe, ob Brot für die Welt oder Misereor, ob auf evangelischen Kirchentagen oder bei Besuchen des Papstes weltweit. Weil die Menschenwürde ungeteilt ist und wir unter diesem einen Himmel alle Brüder und Schwestern des einen Schöpfers sind und wir nur diese eine Erde haben.
Freilich: Ein Patentrezept haben Christen nicht in der Tasche. Und weder die Bibel noch der Koran, aber auch nicht unser Grundgesetz und schon gar nicht die Dublinverordnung sind eine Gebrauchsanweisung, die man einfach aus der Tasche ziehen könnte und alle Probleme wären gelöst. Wenn ich also heute zu Ihnen spreche, dann kommen mir eher die Tränen in die Augen, wenn ich an die Flüchtenden im Mittelmeer denke, als dass ich mit erhobenem Zeigefinger von oben herab genau wüsste, was zu tun sei. Eines aber ist mir gewiss: Wenn wir in der politischen Diskussion heute gerne von fairem Welthandel reden, dann müssen wir Europäer uns im Blick auf Afrika an die eigene Nase fassen. Unsere billigen Agrarexporte sind es, die dort die Märkte kaputt machen. Wir aber schotten uns ab und verhindern so einen fairen Warenaustausch. Globalisierung ist für viele Menschen in Afrika darum zu einer Drohung geworden, denn sie sind bereits Opfer eines gnadenlosen Systems, das die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer macht. Nur ein kleines Beispiel: Wenn durch den heißen Sommer bei uns 40% der Ernte vernichtet werden, so springt sofort die EU mit Agrarsubventionen ein. Wenn aber in Kamerun seit drei Jahren Dürre herrscht, fliehen die Menschen vor Hunger. Und die kräftigsten schaffen es vielleicht bis nach Libyen oder sogar auf ein Rettungsboot … Seebrücke – „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Rudi Rupp, Dekan


Anmerkung: Dieser Text ist eine private Meinungsäußerung von Dekan Rupp und kein offizieller Text seitens des Evangelischen Dekanats oder der Evangelischen Landeskirche, gehalten am 26. Juli 2018 in Aschaffenburg bei der Kundgebung des Aktionsbündnisses Seebrücke.

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